Captain Fantastic: Die Arroganz des besseren, reineren, gesünderen Lebens

fantasticSie jagen, sie fischen, sie pflücken, was ihnen so auf dem Weg durch die Wälder des pazifischen Nordwestens begegnet; sie leben nachhaltig und vollkommen unabhängig, und sind ganz viel an der frischen Luft. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und der himmlische Vater ernähret sie doch. Nieder mit dem Konsumterror! Schluss mit dem Kapitalismus! Nie wieder Zwänge! Nie wieder Materialismus!
Dies ist die andere Folge von 1968: Neohippies und Aussteiger, schwarzgrüne Konsumverweigerer, die Arroganz des besseren, reineren, gesünderen Lebens. Ben, ein Mann mit langem Bart und etwas aus der Mode gekommenen Seventies-Klamotten ist zunächst einmal ein sympathischer Rechthaber. Mit seiner Frau Leslie und ihren gemeinsamen fünf Kindern leben sie im Wald, abseits der Gesellschaft. Doch dann stirbt Mutter Leslie. Allein schafft Ben das nicht mehr. Zumal sich nun der Vater der Verstorbenen, der strenge Opa in das Leben der Familie einmischt. Es droht die Vertreibung aus dem selbstgeschaffenen Paradies.
Zuvor zeigt Matt Ross‘ Film „Captain Fantastic“ aber erst einmal, wie Ben mit seinen Kindern lebt. Die Gattin hatte, auch als sie noch am Leben war, nicht viel zu melden, sondern blickte blind bewundernd zu Pascha Ben auf. Viggo Mortensen spielt diesen Vater als charismatische Patriarchen-Figur, wenn auch eine der wohlmeinenderen Art.

Linkslibertäre Disziplin

Paradoxerweise besteht gerade dieser linkslibertäre Anarchist auf strenger Disziplin. Die Kinder wirken sämtlich wie kleine Rekruten, die der Vater in jedem Lebensdetail streng kommandiert. Sie teilen seine Weltsicht, denn eine andere kennen sie gar nicht. Also plappern sie Vaters plumpe Phrasen nach, wie Roboter.
Was ist Coca Cola? „Dreckiges Wasser“, na klar! Was sind Oma und Opa? „Faschisten“, was sonst? Was sind Faschisten? „Agenten des Großkapitals.“

Anders leben als die Masse – eine andere Form von Ideologie

Rebellieren, opponieren, Widerstand leisten, und irgendwann der ach so schrecklichen, ach so drückenden Zivilisation den Rücken kehren und irgendwo das „ganz Andere“ wagen – spätestens seit 250 Jahren, seit Jean-Jacques Rousseau mit seinen Ruf „Zurück zur Natur!“ das Zeitalter der Aufklärung erschütterte und die Unschuld des Wilden gegen die vermeintlichen Sünden der Kultur ausspielte, gehört der indiskrete Charme der Anarchie zum Leben der Moderne. Auch die Filmgeschichte ist voller Charaktere, die versuchten, ein ganz anderes Lebensmodell fern moderner Werte und Hygienestandards auszuprobieren – und dabei oft genug scheitern.
Der tiefere Sinn von Ross‘ Film ist nun allerdings nur eine andere Form von Ideologie: Nämlich die des modernen „american way of life“. „Captain Fantastic“ will seinem Publikum vorführen, dass Gesellschaft, vor allem die US-amerikanische zwingend notwendig und die beste aller möglichen ist.
Dass der Traum vom gesellschaftsferner Unabhängigkeit und einem von den Ideen Rousseaus und Thoreaus inspirierten Leben in den Wäldern eng verflochten ist mit den uramerikanischen Ideen der US-Gründerväter, denen im 17. Jahrhundert ein Leben fernab der sündhaften Zivilisation Europas vorschwebte. Dass dieser Traum zwar charmant und für manche verführerisch sein mag, dass er aber heute zum Scheitern verurteilt ist. Dass er auch gar nicht wünschenswert ist, weil derartige Utopien exzentrische bis terroristische Züge haben.

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